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20.10.2026

Sexismus im Klinikalltag: Aktuelle Zahlen unterstreichen Handlungsbedarf

Eine aktuelle Umfrage des Marburger Bundes zeigt, dass fast die Hälfte der befragten Ärzt*innen in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt hat. Im gleichen Zeitraum berichten 13 Prozent von sexueller Belästigung. Auch im Arbeitsalltag der Pflege kommt es nach Angaben von Beschäftigten zu Belästigung und Übergriffen. Machtmissbrauch und Belästigung sind im Krankenhausalltag strukturbedingt häufig etabliert und werden toleriert. Die meisten Vorfälle bleiben dabei ungemeldet.

Im Februar und März 2026 hat der Marburger Bund 9.073 angestellte Ärzt*innen online zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz befragt. 90 Prozent der Teilnehmenden arbeiten in Krankenhäusern. Fast die Hälfte (49 Prozent) hat in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt, in 87 Prozent der Fälle ging er von ärztlichen Vorgesetzten aus.[1]

Machtmissbrauch zeigt sich im Klinikalltag am häufigsten in einem respektlosen und herablassenden Umgangston, im Infragestellen der Kompetenz ohne sachliche Gründe und in öffentlicher Bloßstellung beziehungsweise Mobbing, etwa vor dem Team oder vor Patient*innen. 13 Prozent berichten zudem von sexueller Belästigung, meist in Form von sexualisierenden Kommentaren oder abwertenden Sprüchen.[1]

Auch Beschäftigte in der Pflege berichten von Belästigung und Übergriffen. In einer Befragung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) berichteten 76 Prozent der Beschäftigten in Allgemeinkrankenhäusern und Rehakliniken, innerhalb der vergangenen zwölf Monate verbale sexuelle Belästigung oder Gewalt im direkten Kontakt zu Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf erlebt zu haben. 50 Prozent waren von nonverbalen Vorfällen und 47 Prozent von körperlichen Übergriffen betroffen.[2]

Die Gesundheitswirtschaft ist eine der personalintensivsten Branchen Deutschlands. Hier sind 7,7 Millionen Menschen tätig, das entspricht 16,7 Prozent der Gesamtbeschäftigung.[3]
Der Berufsalltag in Krankenhäusern ist fordernd, mit hoher Verantwortung verbunden und zugleich stark hierarchisch organisiert. Die oberen Hierarchieebenen sind dabei überwiegend männlich besetzt, obwohl etwa drei Viertel aller Beschäftigten Frauen sind.[4]

Dabei wird Machtmissbrauch nicht allein durch die Hierarchie begünstigt, sondern auch durch mehrere weitere Faktoren, darunter eine männlich geprägte Kultur, wirtschaftlicher und zeitlicher Druck, fehlende Fehlertoleranz und Transformationsdruck. Strukturbedingt werden Machtmissbrauch, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und Übergriffe deshalb noch häufig toleriert oder sind sogar etabliert. Laut Marburger Bund verzichten drei Viertel der Betroffenen von Machtmissbrauch auf eine Meldung, bei sexueller Belästigung haben nur 16 Prozent einen Vorfall gemeldet. Die Befragten nennen unter anderem Zweifel an wirksamen Konsequenzen, die Sorge vor beruflichen Nachteilen und fehlende vertrauliche Meldewege. 14 Prozent der von sexueller Belästigung Betroffenen gaben an, gekündigt oder sich beruflich umorientiert zu haben.[1]

Die Sorge, künftig nicht genügend geeignetes Personal zu finden, gilt in der Branche als großes Risiko. Diese Entwicklung verschlechtert die Versorgungsqualität und spitzt sich durch den demografischen Wandel weiter zu.

Die Zahlen und Berichte verdeutlichen einen großen Handlungsbedarf. Maßnahmen gegen Diskriminierung und für eine respektvolle Arbeitskultur, die sich in anderen Branchen bereits bewährt haben, lassen sich auch auf die Gesundheitsbranche übertragen. Dazu zählen der Aufbau niedrigschwelliger Beschwerdestrukturen und Anlaufstellen, Sensibilisierungstrainings sowie die klare Kommunikation von Verfahren und Vorgehensweisen für Führungskräfte.

Die Befragung des Marburger Bundes zeigt, dass sich Betroffene auch anonyme Meldemöglichkeiten und transparente Reaktionswege wünschen. Entscheidend ist eine Kultur, in der Meldungen ernst genommen und konsequent verfolgt werden und in der Betroffene keine negativen Folgen für die eigene berufliche Situation befürchten müssen.

 

[1] Marburger Bund (2026): Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (Link)

[2] BGW (2020): Sexuelle Belästigung und Gewalt in Pflege- und Betreuungsberufen, Ergebnisbericht für die Branche Krankenhäuser (Link)

[3] BMG (2026): Gesundheitsbranche als Jobmotor (Link)

[4] pwc (2020): Frauen in der Gesundheitswirtschaft 2020 (Link)