Studie zu Sexismus am Arbeitsplatz: Erscheinungsformen, Verbreitung und Auswirkungen
Die Studie liefert erstmals repräsentative, branchenübergreifende Daten zu Ausmaß, Erscheinungsformen und Folgen von Sexismus am Arbeitsplatz in Deutschland. Methodisch basiert sie auf einem Mixed-Methods-Ansatz, der quantitative Befragungsdaten mit qualitativen Tagebuchaufzeichnungen kombiniert.
Durchgeführt wurde die Untersuchung von der EAF Berlin im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Projekts Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“. Berücksichtigt wurden dabei neben Frauen und Männern ausdrücklich auch trans, inter und nicht-binäre Personen.
Auf Grundlage der Studienergebnisse wurden konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet, wie staatliche Verantwortung, rechtliche Rahmenbedingungen und betriebliche Praxis stärker miteinander verzahnt werden können.
Sexismus am Arbeitsplatz: Studienergebnisse zu Erscheinungsformen, Verbreitung und Auswirkungen
Autorinnen: Laura Giardina, Anna Sive, Lea Rahman, Rana Göroğlu, Stefanie Lohaus
Herausgeberin: EAF Berlin, 2026
Sie können die Studie kostenlos als Printversion bestellen. Senden Sie dazu bitte eine E-Mail an bestellungengegensexismus@eaf-berlin.de und geben Sie die gewünschte Stückzahl (maximal 20 Exemplare) sowie Ihre vollständige Lieferadresse (kein Postfach) an. Hier geht’s zur Bestellung der Studie als Printversion.
Veröffentlichung einer Studie zu Ausmaß und Folgen von Sexismus am Arbeitsplatz
63 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland haben bereits Sexismus im Job erlebt. Die erste branchenübergreifende repräsentative Studie zu Sexismus in der deutschen Arbeitswelt zeigt: Betroffen sind vor allem Frauen und genderqueere Personen, während Sexismus mehrheitlich von Männern ausgeht. Die Erfahrungen führen häufig zu emotionalen und psychischen Belastungen und können Karriere und finanzielle Situation beeinträchtigen.
Ausgewählte Ergebnisse
Die meisten berufstätigen Menschen in Deutschland haben im Verlauf ihres Erwerbslebens bereits selbst Sexismus am Arbeitsplatz erlebt: 63 Prozent berichten von entsprechenden Erfahrungen. Besonders betroffen sind Frauen (70 %) sowie genderqueere Personen (81 %), während er besonders häufig von Männern ausgeht (82 %).
Frauen sind übergreifend häufiger von Sexismus am Arbeitsplatz betroffen (70 % gegenüber 52 % bei Männern). Sie sind außerdem insbesondere von sexueller Belästigung oder Übergriffen am Arbeitsplatz deutlich häufiger betroffen (40 % gegenüber 18 % bei Männern). Männer hingegen erleben von den abgefragten Sexismus-Formen abwertende Kommentare und Witze am häufigsten und fast so häufig wie Frauen (39 % gegenüber 45 % bei Frauen).
Sexismus betrifft vulnerable Gruppen stärker:
Signifikant häufiger von Sexismus am Arbeitsplatz betroffen als der Durchschnitt (63 %) sind etwa queere Menschen (74 %), Menschen mit Migrationshintergrund (74 %), Personen mit Sorgeverantwortung (71 %) sowie Menschen mit Behinderung (70 %). Insbesondere trans, inter und nicht-binäre Personen sind häufiger von Sexismus am Arbeitsplatz betroffen (81 %).
Sexismuserfahrungen am Arbeitsplatz haben weitreichende Auswirkungen: 41 % der Betroffenen leiden unter emotionalen Folgen, 31 % unter psychischen und je 24 % unter körperlichen und sozialen Folgen. 18 % der Betroffenen geben an, dass sich die Erfahrungen auf ihre Karriere ausgewirkt haben. Zu den Auswirkungen zählen Kündigung, Arbeitsplatz- bzw. Abteilungswechsel oder eine ausbleibende Beförderung. 13 % berichten darüber hinaus von finanziellen Nachteilen.
Formelle Beschwerdewege werden von Betroffenen kaum genutzt: Nur 7 % der Befragten wenden sich an ihre Führungskraft, lediglich 2 % an interne Anlaufstellen wie AGG-Beschwerdestellen, Betriebsrat oder Gleichstellungsbeauftragte. Viele Betroffene bewältigen die Folgen daher allein oder im privaten Umfeld.
Die Täter sind in überwiegender Mehrzahl Männer (82 %gegenüber 53 % bei Frauen). Ob Sexismus von Männern oder Frauen ausgeht, variiert teils stark, je nachdem, in welchem Verhältnis die Personen zu den Betroffenen stehen (Vorgesetzte, Personen aus dem Kollegium etc.) oder um welche Form von Sexismus es sich handelt. Insbesondere sexuelle Belästigung oder Übergriffe gehen überwiegend von Männern aus – im Fall von Führungskräften als Täter sind es 89 %. Frauen gegenüber gehen sexuelle Belästigungen oder Übergriffe sogar zu 92 % von Männern aus. Auch Männern gegenüber sind mit 67 % signifikant häufiger Männer die Täter.
Sexismus findet auch in informellen und digitalen Räumen statt und reicht bis ins Private hinein: Von den Befragten, die in den letzten zwölf Monaten Sexismus am Arbeitsplatz selbst erlebt hatten, gaben 79 % an, dies sei mindestens einmal am regulären Arbeitsplatz während der Arbeitszeit passiert. 47 % gaben an, dass mindestens eine erlebte Situation außerhalb des regulären Arbeitsplatzes stattgefunden hat – etwa auf Firmenfeiern, in Pausenräumen oder bei privaten Treffen mit Personen aus dem Kollegium. 30 % erlebten Sexismus im Arbeitskontext außerdem im digitalen Raum.
Die Studie erhob neben der Betroffenheit von Sexismus auch, welches Verständnis von Sexismus die Befragten haben. Die Daten zeigen, dass auf der einen Seite mit 69 % die Mehrheit der Aussage zustimmt, Sexismus sei ein gewachsenes System, das die Macht zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt und soziale Ungleichheit verstärkt. Auf der anderen Seite sieht ein Viertel der Befragten in Sexismus eine Ideologie, die Männer benachteiligen soll.
Handlungsempfehlungen für Betriebe, Politik und Gesellschaft
Auf Basis der Studienergebnisse wurden Handlungsempfehlungen formuliert, die staatliche Verantwortung, rechtliche Rahmenbedingungen und betriebliche Praxis enger verzahnen sollen. Für Betriebe sind Maßnahmen wichtig, um Sexismus am Arbeitsplatz wirksam zu begegnen. Dazu zählen die Sensibilisierung von Mitarbeitenden sowie die klare Verantwortungsübernahme durch Führungskräfte, die Sexismus erkennen und angemessen handeln können. Unterstützend wirken Verhaltenskodizes, klare Leitlinien sowie transparente Beratungs- und Beschwerdestrukturen. Männer sollten gezielt einbezogen werden, um sie zu sensibilisieren und als Verbündete zu stärken. Gesamtgesellschaftlich ist es wichtig, langfristige Strukturen zu etablieren, die Prävention, Sensibilisierung und Unterstützung gleichermaßen sichern. Um diskriminierende Muster gar nicht erst entstehen zu lassen, sollten Bildungseinrichtungen zur Reflexion über Geschlechterrollen, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Normen anregen. Es empfiehlt sich zudem, die Auswirkungen von Sexismus auf Betriebe und Gesellschaft zu untersuchen, beispielsweise in Form einer Hochrechnung von durch Sexismus verursachten Kosten oder einer Untersuchung von Sexismus im Kontext von Fachkräftegewinnung.
Empfehlungen für Betriebe
Weitere Informationen finden Sie ab Seite 72 der Studie sowie in den ergänzenden Materialien des Bündnisses, darunter die Handreichung „35 Maßnahmen gegen Sexismus“ und die speziell für KMU, Mittelstand und Handwerk entwickelte Empfehlungssammlung „Mit fairer Betriebskultur stark in die Zukunft – 15 Maßnahmen für respektvolles Arbeiten in Mittelstand und Handwerk“.
Über die EAF Berlin und die Autorinnen der Studie
Die Studie wurde von den Autorinnen Laura Giardina, Anna Sive, Lea Rahman, Rana Göroğlu und Stefanie Lohaus von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF Berlin) erstellt. Als Projektträgerin setzt die EAF Berlin das Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ um, in dessen Rahmen die Studie entstanden ist und das in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt wird. Die EAF Berlin ist ein unabhängiges Forschungs- und Beratungsinstitut mit über 25 Jahren Erfahrung an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.
Gegen Sexismus aktiv werden! Unsere neue Handreichung mit 35 Maßnahmen gegen Sexismus
Die Handreichung bietet Grundlagenwissen und Praxistipps für alle, die Sexismus am Arbeitsplatz, in Kultur und Medien und im öffentlichen Raum wirksam entgegenwirken möchten. Sie wurde mit Organisationen und Expert*innen aus verschiedenen Branchen und Schwerpunktbereichen entwickelt und liegt nun in einer umfassend überarbeiteten und aktualisierten Version vor.
Mit fairer Betriebskultur stark in die Zukunft! Unsere Handreichung gegen Sexismus in Mittelstand und Handwerk
Unsere Handreichung gegen Sexismus in Mittelstand und Handwerk: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Handwerksbetriebe verfügen oft nicht über die nötigen Ressourcen oder Strukturen, um bereits bekannte Ansätze gegen Sexismus und Diskriminierung umzusetzen. Dazu unterscheiden sich die Arbeitsabläufe in KMU häufig von denen in Großunternehmen oder dem öffentlichen Dienst. Das Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ hat deshalb in Zusammenarbeit mit Partner*innen aus Mittelstand und Handwerk 15 Maßnahmen gegen Sexismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz entwickelt, die gezielt auf Handwerksbetriebe sowie KMU zugeschnitten sind.
Neuer Praxisleitfaden: Kompetent über geschlechtsspezifische Gewalt kommunizieren
Wie Medien, Pressestellen und Kommunikationsabteilungen über Gewalt sprechen, prägt die öffentliche Wahrnehmung. Verharmlosende Begriffe wie „Familiendrama“, stereotype Bilder oder eine einseitige Täterfokussierung können strukturelle Ursachen unsichtbar machen.
Sensible und verantwortungsbewusste Kommunikation ist ein zentraler Baustein, um geschlechtsspezifische Gewalt zu verhüten, zu bekämpfen und zu überwinden.
Das Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ hat daher den Leitfaden „Kompetent über geschlechtsspezifische Gewalt kommunizieren“ erarbeitet. Sie können den Leitfaden unter nebenstehendem Link downloaden.
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