Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)
Good Practices gegen Sexismus können als Inspiration dienen und zeigen konkrete Lösungsansätze auf. Um aus den Erfahrungen der Bündnismitglieder zu lernen, stellen wir regelmäßig gute Praxisbeispiele aus dem Bündnis “Gemeinsam gegen Sexismus” vor. Dieses Mal: Ein Interview mit Aron Schuster, Direktor, und Laura Cazés, Leitung Kommunikation und Digitalisierung bei der ZWST, zum Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt.
Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“: Herr Schuster, was ist die ZWST, welche Arbeit und mit welchen Zielgruppen macht sie?
Aron Schuster: Als sozialer Dachverband der jüdischen Gemeinden und Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland übernimmt die ZWST eine besondere Verantwortung.
Im Zuge der intensiven Vernetzung mit ihren Zielgruppen entwickelt sie niedrigschwellige Angebote und digitale Formate zur Aus- und Weiterbildung, fördert vielfältiges ehrenamtliches Engagement und bietet direkte Beratung und Hilfe. Im Fokus stehen Empowerment, Professionalisierung und Inklusion: kultursensibel, generationenübergreifend und international.
Die ZWST unterstützt die Mitgliedsgemeinden dabei, ihre Strukturen zu professionalisieren, zu stärken und für aktuelle Themen und Prozesse zu sensibilisieren. Gleichzeitig versteht die ZWST sich als soziale Dienstleisterin und Interessenvertretung vulnerabelster Zielgruppen wie Kindern und Jugendlichen, Menschen mit einer Beeinträchtigung, Geflüchteten, Shoah-Überlebende oder Alleinerziehenden. Der Schutz und die Unversehrtheit marginalisierter Personen ist ein wichtiger Schwerpunkt der täglichen Zusammenarbeit.
Bündnis: Vor welchem Hintergrund und wann haben Sie Maßnahmen gegen Sexismus eingeführt?
Schuster: Jüdinnen und Juden erfahren im Alltag oft Mehrfachdiskriminierung. Aufgrund dessen sind die Zielgruppen der ZWST und ihrer Mitgliedsorganisationen besonders schutzbedürftig. Migrations-, Antisemitismus- und Rassismuserfahrungen können genauso eine Rolle spielen wie soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung (insbesondere im Alter), Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der körperlichen und geistigen Fähigkeiten oder der sexuellen Orientierung.
Die ZWST erkennt an, dass grenzüberschreitendes sexistisches Verhalten und sexualisierte Gewalt in allen Bereichen der Gesellschaft und so auch innerhalb jüdischer Gemeinden und Institutionen stattfinden können. Gängige Anlaufstellen sind in der Regel jedoch nicht für die besonderen Bedürfnisse von Jüdinnen:Juden sensibilisiert.
Die ZWST ist daher 2023 auch Mitglied im Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ geworden. Als Bündnismitglied haben wir uns zum Ziel gesetzt, die durch das Bündnis empfohlenen Maßnahmen umzusetzen. Das nunmehr arbeitete Schutzkonzept „Eine sichere ZWST für alle“ ist Teil dieses Prozesses und orientiert sich an den empfohlenen Maßnahmen.
Ziel ist es ein Bewusstsein für grenzüberschreitendes Handeln zu schaffen sowie für die Strukturen, die solches Verhalten begünstigen und ermöglichen. Wir möchten für alle Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen und Teilnehmenden der ZWST Schutz vor Sexismus und sexualisierter Gewalt bieten und so ein sicheres Umfeld und Miteinander gestalten.
Bündnis: Frau Cazés, welche Maßnahmen haben Sie eingeführt und aus welchen Elementen bestehen sie?
Laura Cazés: Im Oktober 2025 haben wir die erste Stufe des Schutzkonzeptes gegen sexualisierte Gewalt eingeführt. Diese gilt zunächst für alle hauptamtlichen Mitarbeitenden der ZWST. Sie umfasst das Schutzkonzept in zehn Punkten, eine Absichtserklärung, die von allen Mitarbeitenden unterschrieben wird, einen Leitfaden zum Beschwerdemanagement, die Einrichtung einer internen Ombudsstelle sowie die Übersicht des Meldeweges und Handlungsempfehlungen. An der Erarbeitung waren eine abteilungsübergreifende Taskforce und eine externe Prozessbegleitung beteiligt. Aktuell sind wir dabei, alle Mitarbeitenden einmal durchzuschulen.
Bündnis: In welchen Bereichen und Kontexten der Arbeit der ZWST kommt das Schutzkonzept zum Tragen? Können Sie Beispiele nennen?
Cazés: Das Schutzkonzept selbst gilt für alle Mitarbeitenden der ZWST. Allerdings haben wir viele Mitarbeitende, die im Rahmen ihrer Arbeit unmittelbar in Kontakt mit vulnerablen Zielgruppen stehen. Im Rahmen der Aktivitäten unseres Kinder-, Jugend und Familienreferates gab es zum Beispiel schon seit längerer Zeit einen Handlungsleitfaden.
Die Arbeit der bereichsübergreifenden Taskforce bestand darin, bestehende und gut laufende Maßnahmen wie diese zu identifizieren und Standards für die gesamte Organisation daraus zu entwickeln. Diese Standards werden in der Erarbeitung der 2. Stufe des Schutzkonzeptes, die sich dann auf den gesamten Bereich des Ehrenamtes beziehen soll, sehr relevant werden.
Bündnis: Welche Rückmeldungen bekommen Sie? Gibt es schon Lessons Learnt?
Cazés: Verbandsintern bekommen wir überwiegend positive und bestärkende Rückmeldungen. Einige Mitarbeitende kennen ähnliche Maßnahmen aus ihrem Ehrenamt in anderen Verbänden oder sehen es als wichtiges Instrument in der eigenen Arbeit. Denn selbstverständlich sind auch jüdische Gemeinden und Organisationen ein Abbild der Gesamtgesellschaft, in der struktureller Sexismus und auch sexualisierte Gewalt gegenwärtige Erfahrungen sind.
Wichtig ist bei der Umsetzung zu beachten, dass es sehr unterschiedliche Wissensstände, Vorerfahrungen und auch Haltungen zu diesem Thema gibt. Deshalb verständigen wir uns im Rahmen der Schulung auch auf einige Regeln: Aktives Zuhören, Respektvolles Miteinander, Fehlerfreundlichkeit und das Akzeptieren unterschiedlicher Wissensstände gelten für uns als Voraussetzung für das gemeinsame Arbeiten an diesem Thema.
Außerdem liegen unserem Schutzkonzept folgende Prinzipien zugrunde: 1. Vertrauen überwiegt Misstrauen: Wir leben eine Kultur des Vertrauens und sprechen keine Vorverurteilung ohne konkreten Anlass aus, 2. Intention und Wirkung getrennt betrachten: wir übernehmen Verantwortung für die Wirkung unseres Handelns, 3. Hilfe zur Selbsthilfe: Wir stärken Menschen, für sich selbst einzustehen.
Letzteres ist ein Leitbild, das sich durch die gesamte Arbeit der ZWST zieht und auf einem der Grundprinzipien jüdischer Sozialethik basiert. Denn für uns war von Anfang an wichtig, dass das Konzept sich in die Arbeit und Werte der ZWST einfügt, und unsere Mitarbeitenden und Aktiven sich darin wiederfinden.
Bündnis: Was haben Sie noch vor? Was sind die nächsten Schritte und welche Maßnahmen wollen Sie noch umsetzen?
Cazés: Wir wollen als Organisation mit gutem Beispiel vorangehen. Nach Abschluss der ersten Phase des Schutzkonzeptes, werden wir in die Entwicklung der 2. Phase gehen, die alle unsere Ehrenamtlichen miteinbezieht. Wir sprechen hier von über 1.000 Personen aller Altersgruppen, die sich im Rahmen von ZWST-Aktivitäten jährlich einbringen. Die 3. Phase soll eine Blaupause für unsere Mitgliedsorganisationen sein, die sie dabei unterstützt, ein Schutzkonzept in ihren eigenen Organisationen zu etablieren.
Das Schutzkonzept der ZWST für Betroffene sexualisierter Gewalt können Sie hier abrufen.